Die Eigenschaften einer Führungspersönlichkeit
"Als Cellerar (Verwalter) wählt man einen aus der Gemeinschaft, der erfahren ist, von reifem Charakter, nüchtern und kein Vielesser, nicht hochmütig,
nicht aufgeregt und nicht grob, nicht langsam und nicht verschwenderisch, sondern gottesfürchtig. Er sei der ganzen Gemeinschaft wie ein Vater."
Hier werden die wichtigsten Eigenschaften des Cellerars genannt. Bevor über die Kunst des Führens gesprochen wird, wird die Persönlichkeit des
Führenden beschrieben. Die Haltung, die gefordert wird, setzt voraus, dass er durch die Schule der Selbsterkenntnis gegangen ist, wie sie die
frühen Mönche beschrieben haben.
Wer führen will, muss erst sich selbst führen können. Er soll mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen, mit
seinen eigenen Bedürfnissen und Leidenschaften zurecht kommen. Evagrius Ponticus hat in seinem Buch "Praktikos" beschrieben, wie ein Mönch sich
erst einmal selbst zu beobachten hat, um zu erkennen, welche Emotionen ihn antreiben, welche Bedürfnisse in ihm aufsteigen und welche Leidenschaften
ihn bestimmen. Und dann ist es erforderlich, dass der Mönch den Gedanken und Gefühlen auf denn Grund geht: Was wollen sie ihm sagen? Welche
Grundprobleme melden sich in ihnen zu Wort? Was hat ihn verletzt? Was hindert ihn am klaren Denken? Das Ringen mit den 9 logismoi, wie Evagrius sie
nennt, ist die eigentliche Aufgabe des Mönchs.
Wer eine verantwortliche Aufgabe übernehmen will, muss sich erst dieser Selbstbildung gestellt haben. Denn sonst wird er seine Führungsaufgabe ständig
mit seinen nicht eingestandenen Bedürfnissen vermengen. Und seine unterdrückten Leidenschaften werden seine Emotionen bestimmen und ihn an einer
klaren Führung hindern. Wenn eine Führungspersönlichkeit zwar die Instrumente der Organisation und Kontrolle beherrscht. aber persönlich unausgeglichen
und unbeherrscht ist, kann sie in ihrem Unternehmen zwar kurzfristig Kosten einsparen, aber auf Dauer wird sie das Unternehmen mit ihrer Unreife
infizieren und die Motivation der Mitarbeiter bremsen. Die nicht bewusst gemachten Bedürfnisse und Emotionen werden auf die Mitarbeiter projiziert.
Es entsteht ein "Emotionsbrei", der wie Sand das Getriebe eines Betriebes behindert.
Was nicht bewusst angeschaut wird, wirkt als Schatten destruktiv auf die Umgebung. Man braucht nur die Erinnerungen von Eduard Reuter über seine Zeit bei
Daimler-Benz zu lesen, um zu erkennen, wieviel Energie durch Eifersüchteleien und Rivalitätskämpfe, durch verdrängte Aggressionen und Unausgeglichenheit
der Führenden verloren geht. Daher ist es richtig, dass auf den Charakter und die Weisheit der Führungspersönlichkeit so grossen Wert gelegt wird.